Toolchain: Dokumente inklusiv(er) gestalten

Super Inhalte aber Schrift zu klein oder Bild ohne Bildbeschreibung? In dieser Anleitung gehen wir Barrieren auf den Grund. Eike ist Physiklehrerin an einer Stadtteilschule, die Inklusion in beinahe allen Klassenverbänden umgesetzt hat. Über die Jahre hat sie feststellen müssen, dass die Erstellung von differenzierten Unterrichtsmaterialien sehr zeitaufwendig und oftmals nicht von Erfolg gekrönt war. Eike möchte nun ihre Materialien für möglichst alle Lernenden gleichermaßen gut aufbereiten und zur Verfügung stellen.

Inhaltsverzeichnis

Lösungsansatz

Eike benötigt für ein barrierefreies Dokument eine Vorlage oder ein Programm, das Dokumente erstellen und als PDFs speichern kann. Die gespeicherten PDFs enthalten sogenannte Tags, die das Dokument beschreiben. Damit fehlende oder unzureichend ausgewiesene Tags innerhalb der PDFs verändert werden können, benötigt Eike einen accessibillity check, der die Fehler erkennt und im besten Fall auch direkt ausbessern kann.

Lernziele

  • ein Dokument auf Barrierefreiheit überprüfen
  • Parameter, die zur Barrierefreiheit beitragen, erkennen und ergänzen
  • Dokumente in verschiedene Formate konvertieren
  • Bilder barrierefrei umsetzen

Schritt-für-Schritt-Anleitung

Barrierefreie Dokumente sind nicht ausschließlich für sonderpädagogische Zwecke von Nutzen und bieten für alle Nutzergruppen einen Mehrwert. Ein barrierefreies PDF kann z.B. mit dem Handy während der Autofahrt vorgelesen, oder ein Roman in wenigen Schritten in ein Hörbuch umgewandelt werden. Nicht nur in der Schule sondern auch im Alltag bringt diese universale Form viele neue Möglichkeiten zum Vorschein. Bringt ein paar Minuten eurer Zeit dafür auf, es wird sich lohnen!

Freie Dokumente finden

Die Grundlage für ein barrierefreies Dokument ist eine digitale Vorlage wie z. B. PDF, Office-Dokument (OpenOffice/Word), eine Präsentation oder ein ganzes digitales Buch (EPUB/MOBI). Im Internet gibt es zahlreiche Plattformen und Suchmaschinen, die sich auf frei verwendbare Dokumente spezialisiert haben:

  • tutory (Creative-Commons-Arbeitsblätter)
  • edutags.de (Social Bookmarking für den Bildungsbereich)
  • archive.org (Public Domain)
  • OpenLibrary (Public Domain)
  • Lehrer-Online (Kooperation mit kommerziellen Anbietern – Lizenzen müssen für jedes Material separat betrachtet und überprüft werden.)
  • Projekt Gutenberg (Public Domain – zurzeit in Deutschland wegen unterschiedlichen Urheberrechtsgesetzen (DE / US) geblockt).

Für den Unterricht bietet sich tutory.de und im Allgemeinen edutags.de für die Dokumentenrecherche an.

Tipp: Wer Tutory von der Pike auf lernen möchte, ist hier genau richtig.

  1. Ruft im Browser (z.B. Chrome oder Firefox) die Internetseite tutory.de auf. Für das Portal wird ein Account benötigt, welcher in der Basisversion kostenfrei ist. Dieser reicht für das Erstellen, Suchen und Kopieren von bestehenden Materialien aus.
  2. Nach Registrierung und Anmeldung stehen drei Optionen zur Verfügung: Vorlagen, Eigene und Entdecken.
  3. Klickt auf Entdecken.
  4. Gebt nun im Suchfeld ein gewünschtes Schlagwort ein. In diesem Beispiel wurde das Schlagwort Hebel verwendet, um ein passendes Arbeitsblatt zum Hebelgesetz für den Physikunterricht zu finden.
  5. Klickt auf das gewünschte Arbeitsblatt und es erscheint eine Detailseite mit weiteren Informationen.
  6. Auf der Detailseite habt ihr die Optionen, das Arbeitsblatt über den Button PDF direkt herunterzuladen oder mit dem Button Private Kopie aus dieser Vorlage eine veränderbare bzw. erweiterbare Kopie zu erstellen.

Arbeitsblatt inklusiv(er) aufbereiten

Auf der Detailseite zum Arbeitsblatt wird sichtbar, dass die Schriftgröße und der Zeilenabstand z. B. für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung viel zu klein sind. In diesem Schritt wird aus der Vorlage eine Kopie erstellt und der Schriftgrad optimiert.

  1. Erstellt über die Detailseite des Arbeitsblatts mit dem Button Private Kopie aus dieser Vorlage eine Kopie.
  2. Im Hauptmenü am oberen Browserrand befindet sich der Button AAA, mit dem die generelle Schriftgröße des Arbeitsblatts seiten- und absatzübergreifend angepasst werden kann. Klickt darauf und wählt die Option Groß aus.
  3. Die Schriftgröße wird auf allen Seiten vergrößert; dabei kann es passieren, dass einzelne Absätze überlappen. Ihr solltet also alle Absätze nachträglich prüfen. Überlappende Absätze könnt ihr mit der Maus verschieben und anschließend vergrößern.
  4. Zum Vergrößern eines Textfeldes muss dieses mit der linken Maustaste angeklickt werden. Ein aktives Textfeld könnt ihr mit der Maus an den Ecken anpassen. Passt nun alle Medienelemente auf dem Arbeitsblatt an.
  5. Speichert zu guter Letzt das überarbeitete Arbeitsblatt über Hauptmenü > PDF > Arbeitsblatt auf dem Computer.

Zugänglichkeit überprüfen

Jetzt wird das erstellte oder bereits vorhandene Dokument auf Barrierefreiheit überprüft und verbessert. Das Online-Tool Pave-PDF ist hierfür ein geeignetes Werkzeug. Damit ein Dokument barrierefrei wird, müssen viele Parameter berücksichtigt werden, die für die Lesenden zunächst nicht sichtbar sind, z.B. sogenannte Tags und Metatags. Diese sind im Hintergrund des Dokuments eingebunden und steuern z. B. die Leseabfolge für einen Screenreader oder die Beschreibung einer Bilddatei.

  1. Öffnet die Internetseite von Pave-PDF.
  2. Über den Button PAVE Starten wird das Programm im Browser gestartet.
  3. Klickt auf den Button Upload file und wählt das eigene oder heruntergeladene PDF aus.
  4. Nach kurzer Wartezeit werden im Browser die einzelnen PDF-Seiten in einer Vorschau und auch eine Liste an Ereignissen angezeigt.
  5. Auf der linken Seite werden unter dem Reiter Tasks die automatisch behobenen und die noch ausstehenden Probleme angezeigt.

Zugänglichkeit verbessern

Die aufgelisteten Probleme unter Tasks können nun Schritt für Schritt abgearbeitet werden.

  1. "Language is not specified": Das Dokument hat kein Sprachattribut; Suchmaschinen oder der Screenreader wissen demnach nicht, um welche Sprache es sich handelt. Dies hat oft weitreichende Folgen wie z. B. eine fehlende Rechtschreibkorrekturanzeige, die Computerstimme liest das Dokument in einer falschen Sprache vor, uvm.
  2. Klickt nun auf den Button Edit properties, um die fehlenden Informationen nachzutragen. Gebt unter Titel einen aussagekräftigen Titel ein. Im Falle des Physik-Arbeitsblatts zur Hebelwirkung kann dieser wie folgt lauten: "Arbeitsblatt mit Übungsaufgaben zur Hebelwirkung in der Physik".
  3. "Some content is not tagged": Medieninhalte wie Bilder müssen mit einem sogenannten Alternativtext ausgezeichnet werden. Falls das Bild nicht dargestellt werden kann, erscheint an dessen Stelle der Text. Ein Screenreader würde in diesem Zusammenhang den Alternativtext vorlesen. Klickt auf den Button Show issue details.
  4. Je nach Umfang des PDFs werden die einzelnen Seiten mit fehlenden Tags in einer Liste dargestellt. Mit einem Klick auf die jeweilige Seite werden die seitenspezifischen Probleme aufgelistet.
  5. Die Problemstellen sind in der Vorschau auf der rechten Seite rot hinterlegt. In diesem Beispiel sind es die Bilder, die keinen Alternativtext besitzen. Mit einem Klick auf ein Bild öffnet sich auf der linken Seite das Tagging-Menü.
  6. Im Tagging-Menü wird in vier Punkten die weitere Vorgehensweise erklärt.
  7. Wählt nun im Falle eines Bildes unter Punkt 2 Select element type die Option figure an.
  8. Im Punkt 4 Enter alternative text muss eine Beschreibung eingefügt werden, die der Abbildung möglichst genau entspricht. Hier wurde folgender Alternativtext gewählt: "Darstellung eines Muskelskeletts mit markiertem Biceps brachii am linken und rechten Oberarm".
  9. Klickt am Ende der Liste auf den Button Save.

Taggt nun alle Elemente, die Probleme aufweisen. Nach Abschluss kann noch die Lesereihenfolge überprüft und das inklusive(re) Dokument gespeichert werden.

  1. Sind alle Medieninhalte mit Tags versehen, erscheint anstelle des Hinweises "Some content is not tagged" der Hinweis "All content is tagged". Mit einem Klick auf den Button Review reading order könnt ihr die Struktur der einzelnen Inhalte (Absätze und Bilder) überprüfen und anpassen.
  2. Im Reiter Reading order wird eine Liste der einzelnen Seitenelemente dargestellt. Beim Mouseover über ein Listenelement wird das zugehörige Element in der Vorschau markiert. Fahrt nun jedes einzelne Listenelement von oben nach unten ab und kontrolliert bei jedem Element, ob es in der logischen Lesereihenfolge erscheint. Gibt es Unstimmigkeiten, könnt ihr die Listenreihenfolge mit Drag & Drop anpassen.
  3. Ist diese Aufgabe erledigt, kann das PDF unter dem Reiter Tasks am Ende der Liste über den Button Download gespeichert werden.
  4. Es erscheint ein Pop-Up. Über den Button Download document am unteren rechten Bildrand könnt ihr das verbesserte PDF auf dem Computer speichern.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dokumente inklusiv(er) gestalten von Manfred Steger für das Universitätskolleg Digital der Universität Hamburg ist lizenziert unter einer CC BY 4.0 International Lizenz.

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